Niederrhein

Brief an die Gemeinden

Superintendent Dietrich Denker aus Gladbach-Neuss ruft dazu auf, in der Corona-Zeit die Schwächsten im Blick zu halten und Engagement für globale Gerechtigkeit zu verstärken.

Der Kirchenkreis hat auf seiner Synode zudem 10.000€ für Brot für die Welt gespendet als Beitrag zur Überwindung von Fluchtursachen, sowie 10.000€ für die Flüchtlingshilfe auf den ägäischen Inseln.

 

Liebe Gemeindeglieder im Kirchenkreis Gladbach-Neuss,

liebe Schwestern und Brüder,

Kurz vor den Schulferien in NRW kommt es schrittweise zu immer mehr Lockerungen der Corona-bedingten Einschränkungen. Damit ändern sich auch die Verordnungen zu Veranstaltungen von Gemeinden (Zusammenkünfte, Gottesdienste etc.). Viele der Einschränkungen unserer Freiheitsrechte (z.B. Versammlungsfreiheit, Bewegungsfreiheit) werden wieder aufgehoben. Das ist erfreulich. Mit großer Solidarität haben wir in unseren Gemeinden in diesen Monaten zusammengestanden und Verantwortung füreinander und die uns anvertraute Menschen (z.B. in Seniorenheimen, Krankenhäusern, Altentagesstätten, Hospizen, Kindertagesstätten) übernommen.

Wir beobachten aber auch, dass es durch diese Krise und das Krisenmanagement der Behörden und die Erlasse der Bundes- und Landesregierung zu einem Erstarken nationalistischer und rechtspopulistischer Kräfte in unserem Land – und darüber hinaus in ganz Europa – gekommen ist.

In den evangelischen Gemeinden brauchen wir ein starkes Bewusstsein und ein mutiges Eintreten für die Verlierer*innen in dieser Corona-Krise: es sind hier und weltweit die Schwachen, die Menschen, denen keine ausreichende medizinische Versorgung, denen keine ausreichende hygienische Vorsorge, denen keine wirtschaftlichen Hilfen und Einkommenssicherungen angeboten werden oder zur Verfügung stehen.

Wir brauchen in unseren Gemeinden ein waches Bewusstsein und den klaren Blick auf die Folgen dieser Krise. Es wird weiterhin zu starken Fluchtbewegungen in Richtung Europa kommen. Es wird ein Wettlauf um den Impfstoff und seine Patentierung geben. Es wird versucht werden, aus der Krise und den Ängsten der Menschen ökonomisch und politisch Kapital zu schlagen.

Wir erinnern uns als Christ*innen an unsere Grundlagen aus der Bibel und dem Glaubensbekenntnis. Denn Gott hat uns (den Christ*innen) nicht den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit gegeben. (2. Timotheus-Brief 1,7)

Daher verstärken wir unser Bemühen um weltweite Gerechtigkeit und Frieden und eine globale Bewahrung der Schöpfung. Wir wollen weitergehen auf dem Weg eines gerechten Friedens. Wir werden alle Bemühungen unterstützen, die eine soziale und ökologische Wende voranbringen, um den Klimawandel und den dramatischen Rückgang der biologischen Vielfalt zu stoppen. Wir werden alle Bemühungen unterstützen, die ein Wirtschafts- und Wachstumsmodell überwinden, das an seine Grenzen gestoßen ist.

Die Gemeinden im evangelischen Kirchenkreis Gladbach-Neuss bitte ich, ihre Bemühungen und ihre Kreativität nach außen zu zeigen. Wir werden „Abstand“ nicht dazu missbrauchen, uns innerlich von den Anliegen der anderen Menschen zu distanzieren. Wir werden Gottesdienste und Andachten, Gemeindefeste und Treffen so organisieren, dass Nähe zum anderen Menschen erfahrbar wird. Auch darin haben wir in Jesus Christus unser Vorbild und in seinem Handeln unser Leitbild.

Ich bitte die leitenden Gremien der Gemeinden um einen Diskussionsprozess, um die Auswirkungen der Corona-Krise „vor Ort“ zu analysieren, und konkrete Handlungsempfehlungen in den jeweiligen Gemeinden zu formulieren.

Mit der Freiheit des Glaubens und der Selbstentfaltung geht das Gebot zur sozialen, politischen und ökologischen Verantwortung zwingend einher. Das Eintreten für unsere Glauben, unsere Kirche, unser Land und alle Menschen, die hier leben, sowie die Verantwortung für die Schöpfung und die Menschen in den von Krieg, Hunger und Dürre bedrohten Regionen dieser Welt, sind Ausdruck und Lebensäußerung unseres Christseins.

Ich bedanke mich beim Fachausschuss Kirche und Gesellschaft, der  zu diesem Wort an die Gemeinden in intensiver inhaltlicher Auseinandersetzung beigetragen hat.

Dietrich Denker, Superintendent